Schickt ihm doch nichts mehr zu! (Eine Reaktion auf den Artikel im Alpenfeuilleton)

humaldo macht sich Gedanken über einen Artikel, der neulich im Alpenfeuilleton erschienen ist.

http://www.alpenfeuilleton.at/2017/11/kleingeist-und-groessenwahn-110/
❍ **UPDATE** Die Reaktion auf mein Video –  http://www.alpenfeuilleton.at/2017/11/kleingeist-und-groessenwahn-112/
https://www.facebook.com/afeu.at
https://twitter.com/ALPENFEUILLETON

Letzte Woche ist im österreichischen Online Magazin ALPENFEUILLETON ein Beitrag erschienen, der in meiner Social Media Blase für ein klein wenig Aufregung gesorgt hat. Der Autor spricht in dem Beitrag die Überstättigung des Musikmarkts an, ein Thema, das mich persönilch auch schon länger beschäftigt. Der Beitrag hat vor allem deswegen für Diskussionen gesorgt, weil ihn der Autor sehr polemisch aufgezogen hat, wodurch leider das eigentliche Kernthema ein bisschen zu kurz gekommen ist. Aber schauen wir uns den Artikel mal an:

Er ist in der Rubrik “Meinung” – “Kleingeist und Größenwahn” erschienen und der Titel lautet “Bitte schickt mir nicht mehr unaufgefordert CDs zu, denn ich höre sie mir nicht mehr an. Unser Kolumnist hat genug. Genug Musik gehört. Genug Konzerte gesehen.” Der Autor schildert im ersten Absatz seine persönliche Ohnmacht, mit der Flut an unaufgefordert von Labels eingesandten CDs und Hörproben zurecht zu kommen. Früher hat er sich noch brav durch alles durchgehört, aber inzwischen wirft er alle Pakete ungeöffnet in den Müll und Mails mit Hörproben klickt er nicht einmal an. Das hinterlässt beim Lesen vor allem deswegen einen seltsamen Beigeschmack, weil im Impressum vom ALPENFEUILLETONS offiziell eine Post Adresse zum Einsenden von “Hör- und Leseproben” auffindbar ist.

Der Autor beschreibt dann die unfassbare Langeweile und den Überdruss, den ihm solche Einsendungen vermitteln. Am liebsten würde er den Absendern bissige und belehrende Antworten zurückschreiben, was er aber glücklicherweise dann doch nicht macht. Nach dieser sehr persönlichen und emotionalen Einleitung wird der Artikel etwas sachlicher, und der Autor schildert die seiner Beobachtung nach aktuelle Situation von kleinen und großen Musik Labels. Während die großen Labels opportunistisch massentaugliche Stangenware produzieren, um ihr eigenes Überleben zu sichern, entstehen im Untergrund immer mehr kleine, so genannte “Liebhaber Labels”, die Nischenmusik für sehr überschaubare und eng eingegrenzte Zielgruppen veröffentlichen. Diese Zielgruppen bestehen meistens aus Gleichgesinnten, die kaum Berührungspunkte außerhalb des eigenen Horizonts haben.

Er sieht in diesen kleinen Labels und ihren Nischen die Gefahr, dass deren Musik mehr und mehr selbstreferenziell wird und man sich immer tiefer ausschließlich ins eigene Genre verstrickt und deswegen die Musik letztendlich langweilig und beliebig wird. Das hat, laut ihm,  zur Folge, dass immer mehr Musik für immer kleinere und immer abgeschlossenere Zielgruppen produziert und veröffentlicht wird, was letztendlich zu immer gleicheren, immer beliebigeren und immer langweiligen Ergebnissen führt.

Im nächsten Abschnitt greift der Autor die Eröffnungsaussage vom Beitrag wieder auf und präsentiert diese als Lösungsansatz für diese Probleme. Er ist der Meinung, dass man sich als verantwortungsbewusster Kritiker nicht von der schieren Masse an von Plattenfirmen zugeschickten Alben und Hörproben einschüchtern lassen soll. Als Kritiker fühlt man sich nämlich oft verpflichtet dazu, den kleinen und neuen Bands so gut es geht eine möglichst große Bühne zu bieten, unabhängig davon wie deren Qualität ist. Er sieht dieses Pflichtbewusstsein aber für falsch an, weil es für ihn nicht die Verantwortung des Kritikers ist, den Bands das Überleben zu sichern. Seine Pflicht ist es, die relevanten und herausragenden Perlen aus dem riesigen Haufen der Neuerscheinungen herauszupicken und dem Belanglosen und Uninteressanten keine Beachtung zu schenken.

Das war einmal der Inhalt von dem Artikel. Im großen und ganzen finde ich die Aufforderung vom Autor, sich auf die Perlen zu konzentrieren, und dem Rest keine Bühne zu bieten, nicht so schlecht. Das würde sehr dazu beitragen, die allgemeine Übersättigung, die Überschwemmung mit neuen Bands und neuen Veröffentlichungen ein bisschen einzudämmenund die gefühlte Qualität würde auch ein bisschen steigen. Die neuen Bands müssten sich wirklich anstrengen und hart an sich arbeiten, bis sie relevant genug für eine ernstzunehmende Rezension sind. Von Bands, die erst zwei Monate zusammenspielen und gerade mal ihre Instrumente stimmen können, aber schon ihre erstes Eltern-finanziertes Album veröffentlicht haben, und die vielleicht sogar glauben, sie wären die neuen Superstars, von denen würde man dann vielleicht ein bisschen weniger mitkriegen.

Das Problem mit dem Artikel ist aber, dass sich der Autor in einen Widerspruch verstrickt, der die eigentlich recht vernünftige  Grundaussage überschattet und in den Hintergrund treten lässt. Er redet, fast schon stolz, davon, dass er sich keine neuen Zusendungen mehr anhört, weil er in seiner Laufbahn eh schon genug, sogar viel zu viel gesehen und gehört hat. “Schickt mir nichts mehr zu, ich höre es sowieso nicht an” ist ja sogar der Titel von dem Artikels. In seinem Lösungsansatz etwas später schreibt er aber, dass man die Spreu vom Weizen trennen muss. Nur wie er das macht, ohne dass er sich die Zusendungen der Labels zumindest kurz anhört, das verrät er in dem Artikel aber nicht.

Um dahinter zu kommen, muss man die Kommentare unter dem Artikel und auf Facebook durchforsten, dort meldet er sich nämlich ein paar Mal zu Wort und klärt auf, was er im Artikel unangesprochen lässt: Er rezensiert nämlich fast ausschließlich nur Bands und Alben, die sich selbst privat gekauft hat und die er selbst schon am Radar hat und die außerdem seinem persönlichen Geschmack entsprechen. An unaufgeforderte Einsendungen hat er also überhaupt gar kein Interesse.

Und genau da liegt meiner Meinung nach das Problem von dem Artikel. Als Leser geht man davon aus, dass es zu den Aufgaben und Pflichten eines Journalisten gehört, dass der sich mit der jeweiligen Materie umfassend beschäftigt. Und dazu gehört eben auch, dass er sich durch diese unzähligen Einsendungen durchwühlt um die wenigen Perlen überhaupt herauspicken zu können. Wenn die zeitliche Kapazität dazu nicht reicht, sich durch diese Menge durchzuarbeiten, ist das aber auch verständlich und eigentlich eh völlig in Ordnung. Auf der anderen Seite  ist es aber natürlich auch in Ordnung, wenn ein Kritiker seinen journalistischen Fokus eingrenzt.

Er muss es dem Leser nur richtig kommuniziert! Und das ist in dem Artikel einfach nicht passiert. Man hätte dafür eigentlich den Titel, beibehalten können, und nur diesen ersten Eröffnungssatz ändern müssen: “Bitte schickt mir nicht mehr unaufgefordert CDs zu, denn ich schreibe ohnehin nur darüber, was ich persönlich kenne und mag. Außerdem habe ich andere Quellen, neues Material zu entdecken.” Das wäre ehrlicher gewesen, hätte wahrscheinlich ein wenig Verwirrung und Ärger erspart und die Leser hätten sich unabgelenkt auf die Grundaussage vom Artikel konzentrieren können. Aber es wäre wahrscheinlich aber auch nicht ganz so sexy gewesen und hätte wahrscheinlich auch nicht ganz so viele Aufmerksamkeit eingebracht.

Was ist nun mein persönliches Fazit?

Mit der Ausführung über die selbstreferenziellen Bands und deren Zielgruppen kann ich ehrlich gesagt nur wenig anfangen, weil ich persönlich auch nicht viel Erfahrung auf diesem Gebiet habe. Vielleicht habe ich deswegen den Artikel gar nicht richtig verstanden und sogar falsch interpretiert? Vielleicht muss man selbst ein Redakteur sein, der jeden Tag aufs Neue in unaufgeforderten Einsendungen erstickt. Ich persönlich sehe die ganze Sache halt eher aus der Sicht des interessierten Konsumenten, der selber aber auch recht tief in der Underground Musikszene drin steckt, aber ohne selbst in einer Band zu spielen oder ein Label zu betreiben.

Der restlichen Grundaussage stimme ich aber grundsätzlich zu. Es gibt zu viele Bands mit leider zu vielen irrelevanten Veröffentlichungen, die einen tagtäglich ununterbrochen über Facebook und anderen Sozialen Medien zuspammen. Aus journalistischer Sicht macht es keinen Sinn, zusätzlich dann zur Social Media Überflutung dann auch noch wirklich ausnahmslos über alles zu berichten, das veröffentlicht wird. Ich stimme dem Autor darin zu, dass es nicht die Pflicht eines Journalisten ist, die Bands nur deswegen zu unterstützen, weil sie Indie und/oder Newcomer sind. Ich bin auch seiner Meinung, dass man der Szene wahrscheinlich sogar einen Gefallen tut, wenn man nur den herausragenden Künstlern und deren Veröffentlichungen eine professionelle Bühne bietet, aber über das Unterdurchschnittliche und des noch Unausgereifte einfach nicht berichtet.

Leider verschwinden alle diese Aussagen in dem Artikelhinter ein paar polemischen Äußerungen und bei den Meisten bleibt nach dem Lesen vermutlich nur in Erinnerung, dass da irgendein jammernder Redakteur von irgendendeinem Internetblog zu arrogant, zu selbstverliebt ist, um sich gewissenhaft mit der Musikszene auseinanderzusetzen. Und das ist ziemlich schade, weil es war sicherlich nicht die Absicht vom Autor, das zu erreichen.

Und was sagt ihr dazu? Soll ein Musik Journalist über alles berichten, das auf den Markt kommt, oder soll er nur das Beste herauspicken? Und weil mich das Thema sowieso schon lange beschäftigt, wie empfindet ihr die Übersättigung der Musikszene? Habt ihr eine Idee, wie man damit am besten umgehen sollte? Oder findet ihr vielleicht sogar, dass die Szene gar nicht so übersättigt ist, wie mir das vielleicht vorkommt?

Schreibt es mir auf jeden Fall bitte unten in die Kommentare, ich freu mich schon darauf, mit euch dann darüber zu diskutieren!

Das wars auch schon wieder für heute, wenn es euch gefallen hat, dann surft doch gern auf meinem Kanal und/oder auf meiner Website “www.humaldo.tv” vorbei, das würde mich extrem freuen 🙂

Danke fürs Vorbeischauen  und bis zum nächsten Mal!

Metal, oida!

Das könnte dir auch gefallen: